Alice aus Uganda: Knowledge-Equity-Kalender

Alice (zweite von rechts) mit anderen Mitstreitenden der „Wikimedia Community User Group Ugandab. Bukulu Steven, CC BY-SA 4.0

24. Dezember

Es gibt verschiedene Arten von Wissenslücken und -gräben, zum Beispiel die zwischen den Generationen, die technologische Kluft zwischen dem sog. „Globalen Norden“ und dem „Globalen Süden“. Die wichtigsten sind für mich jedoch gar nicht diese „Wissenslücken“, sondern die „Gewusst-Wie-Lücke“ (Alice nennt diese auf Englisch „Know Do gap”, für das es keine adäquate Übersetzung gibt, Anm. d. Übersetzers).

Wenn wir Wissen sorgfältig als „alle Fakten, die jemand über ein bestimmtes Thema weiß” und Equity (zu Deutsch in etwa: Chancengleichheit/Gerechtigkeit) als „eine faire und vernünftige Art und Weise des Verhaltens gegenüber Menschen, so dass alle gleich behandelt werden“ (siehe Macmillan English Dictionary for Advanced Learners) betrachten – macht es nur Sinn, dass wir als Wikimedia, wenn wir mit Freiem Wissen arbeiten, gemeinsam darauf hinarbeiten sollten. Während einige Faktoren in allen Bereichen gleich sind, sollte es definitiv keinen „one size fits all”-Ansatz geben.

Alice Kibombo mit Jimmy Wales während der Wikimania 2019. AKibombo, CC BY-SA 4.0

Ein Großteil meiner Arbeit hatte eigentlich ein ziemlich simples, ja fast schon profan einfaches Ziel: die massive Erweiterung der Inhalten zu Uganda auf Wikipedia und Wikidata, unabhängig von Thema. Dabei ging es mir nicht so sehr um die Qualität als vielmehr um die Quantität der Inhalte. Im Nachhinein betrachtet war das eigentlich ein Fehler meinerseits, mein vorhandenes Wissen nur zur Verbesserung der Situation einzusetzen – ich wusste es, aber ich tat es nicht, daher die „Gewusst-Wie-Lücke“.

Auf dem Weg, als Autorin wie Organisatorin verschiedener Veranstaltungen im Rahmen verschiedener Projekte und Wettbewerbe in Uganda, fiel mir diese Gleichgewicht aus den Augen. Wir organisierten eine Reihe von Veranstaltungen und Schreibwerkstätten, aber wir kamen aus verschiedenen Gründen gar nicht an unsere Ziele heran. Natürlich sind die bestehenden Methoden in einer Form bewährt und funktional, aber meist dienen sie quasi nur als Möglichkeit der Vergrößerung der „Wissenshalden“ mit viel Verbesserungspotenzial.

Nach Beratung und sorgfältiger Überlegung haben wir uns beim Herantasten an die ugandischen GLAM-Institutionen für einen anderen Ansatz entschieden. Statt einfach direkt eine Schreibwerkstatt zu organisieren, haben wir einen sogenannten „Sensibilisierungstag“ (Sensitisation Day) veranstaltet: Wir haben Wikimedia und Projekte erklärt, der Zustand und die Darstellung der ugandischen GLAM-Institutionen und wie sie bei Wikipedia und den Schwesterprojekten vertreten sind – und wie sich die GLAM-Institutionen einbringen könnten. Im Vorfeld profitierten wir sehr von der Beratung einzelner Expertinnen und Experten, um bereits im Vorfeld „gut zu sondieren“, so dass eine Vielzahl von Personen vertreten war – aber auch die „richtigen“.

Das Feedback, das wir im Rahmen der Veranstaltung erhielten, war sehr hilfreich – wir sollten mehr in lokale Lösungen investieren, die besonders darauf acht geben, wie mögliche Nutzerinnen und Nutzer das relevante Wissen verwenden können. Die verfügbaren Techniken und Technologien auswerten, um die auszuwählen, die den lokalen Anforderungen entsprechen – aber auch Schnittstellen und Verwendbarkeit im internationalen Kontext gewährleisten. Lokal war das entscheidende Wort – unsere Teilnehmenden wollten das Heft selbst in der Hand haben (oder wie man auf Englisch sagen würde: „Ownership“).Bis 2030 und darüber hinaus wird es weniger darum Wissenslücken und -löcher zu schließen, als vielmehr darum, wie wir die „Gewusst-Wie-Lücken“ im Kontext der globalen Wissensgerechtigkeit angehen können. Nach meiner Erfahrung funktioniert es viel besser, wenn wir die Menschen dafür sensibilisieren, wer wir (als Wikimedia) sind, was wir tun und vor allem WARUM wir es tun – denn dann wissen die Menschen besser, was sie mit dem Wissen über das sie verfügen, anfangen können. Auch auf „strategischer“ Ebene das jeweilige Wissen und die jeweiligen Kompetenzen zu pflegen und wertzuschätzen, schafft bessere und innovative Projekte mit lokaler Relevanz. Oder um es mit den Worten von Katherine Bates in der Rolle der Dorothy Kenyon in dem Film “On the Basis of Sex” zu sagen: „Erst das Denken verändern“ (Change minds first)


Farhad aus Russland: Knowledge-Equity-Kalender

Im September 2019 fand in Moskau die russische Wiki-Konferenz 2019 statt. Mehr als 40 Menschen aus verschiedenen russischen Regionen nahmen teil und diskutierten unter anderem darüber, wie die Wikimedia-Projekte in den Sprachen der Russischen Föderation weiterentwickelt werden können.
Dmitry Rozhkov, Moscow Wiki-Conference 2019 – group photo 2, CC BY-SA 4.0 

18. Dezember

Ich bin davon überzeugt, dass die Möglichkeit Zugang zu haben und einen Beitrag dazu zu leisten, von Ressourcen wie einer nachhaltigen kulturellen Infrastruktur als auch Kaufkraft abhängt, die freie Zeit für unproduktive kreative Aktivitäten lassen. Auch die Wikidata-Heat Map scheint meine These zu unterstützen – unsere kollektive „Wissensgerechtigkeit“ (“Knowledge Equity”) ist weder vollständig, noch nachhaltig, noch vielfältig, noch mehrsprachig genug.

Farhad Fatkullin
VGrigas (WMF), Farkhad Fatkullin, CC BY-SA 3.0 

Natürlich deckt diese Karte nicht den Himmel und die immateriellen Bereiche ab, sondern deutet auf Kulturen hin, deren Wissen uns am meisten fehlt. Wir können die Menschen nicht zwingen, selbstlos zu werden, und ihr Wissen beizutragen. Also ist der einzige andere Weg, eine vielfältige und nachhaltige „Wissensgerechtigkeit“ zu erreichen, die vernachlässigten Communities zu unterstützen und zu befähigen, sodass ihre Barrieren überwinden können, und beitragen können. „Technische, soziale und politische Barrieren“ sind eindeutig nicht die Hauptgründe, wieso Menschen in meinem Land nicht an den Wikimedia-Projekten teilnehmen, und ich denke, das Gleiche gilt für andere dunklere Bereiche der Karte.

Meine Heimatregion in Russland nennt sich Republik Tatarstan und hier genießen wir als Wikimedia-Community eine große Unterstützung durch die Regionalregierung, die uns dabei hilft eine breitere Öffentlichkeit für die Nutzung von Wikimedia-Projekten zu erreichen, wie auch mehr tatarische Inhalte zu schaffen. gewinnen. Wir schauen gerade noch, was welche weiteren Möglichkeiten wir nutzen könnten, um mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen.

All dies und noch mehr geschieht dank unbekannter Helden – den freiwilligen Wiki-Beitragenden, die wir vielleicht nie treffen oder gar darüber nachdenken, also versuchen wir unser Bestes, um zumindest einige zu loben. Seit 2011 vergibt Wikimedia Russland jährlich Wiki-Preise, und wir schauen gerade, ob wir solche Auszeichnungen nicht noch häufiger vergeben können. Im vergangenen Jahr haben wir uns mit einer Partner-GO zusammengetan, die sich für die wachsende Mehrsprachigkeit in Russland engagiert, und am Ende nicht nur Preise, sondern auch Diplome von Regionalministern für Bildung und Kultur an führende Wikimedianer vergeben.

Wie jedes andere Land steht auch mein Heimatland in seinen nationalen und internationalen Beziehungen vor komplexen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und technischen Herausforderungen. Die Tatsache, dass die Wikimedia Foundation Wikimedia Russland nicht finanzieren kann, zwingt uns dazu uns selbst zu finanzieren, genau wie es im 2030-Strategieprozess empfohlen wird. Uns es gibt noch viel von den über 30 Sprachgemeinschaften Russlands zu lernen, die fast alle aktive Wikimedia-Projekte, zumindest im Inkubator, haben.

Bis 2030 würde ich mir wünschen, dass die Wikidata-Karte viel heller wird und in so vielen Sprachen wie möglich verfügbar ist. Aber ich denke auch, dass wir eine global agierende russischsprachige Dachorganisation, mit lokalen Gruppen in allen großen Städten der Welt, in den Russisch gesprochen wird. Aber auch vor Ort brauchen wir ein System, um alle in Russland ansässigen Sprachgemeinschaften dabei zu unterstützen in den Wikimedia-Projekten mitzumachen, angefangen bei den größten.

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  • Farhads Rede während der Abschlusszeremonie der Wikimania 2019 (Text, Video)


Wikimedia Argentinien: Knowledge-Equity-Kalender

Eine der von der Organisation „Barrios x Memoria y Justicia“ verlegten Fliesen in der Stadt Buenos Aires. In diesem Fall zu Ehren von Irene Krichmar und Miguel Ángel Butron, die am 18.6.1976 in der Öffentlichkeit verschwanden. Maria Isabel Munczek, CC BY-SA 4.0

17. Dezember

Wiki Derechos Humanos” („Wiki Menschenrechte“) ist ein Projekt von Wikimedia Argentinien, das seit 2018 entstand, und sich seit zu einem überregionalen Projekt in Zusammenarbeit mit anderen Wikimedia-Organisationen entwickelt hat. Die Idee dahinter ist vor allem die Schaffung qualitativ hochwertiger und aktueller Informationen in der Wikipedia über Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in unserem Land während der letzten Diktatur begangen wurden.

Die ersten Artikel, die erstellt und verbessert wurden, bezogen sich auf die sogenannten „Memoria, Verdad y Justicia“-Prozesse. Dies ist kein Zufall. Argentinien war eines der ersten Länder, das Mitglieder der Streitkräfte und andere Akteure der de facto-Regierungen, die im Rahmen der Operation Condor die Macht innehatten, vor Gericht brachte. In dem Sinne war das Projekt „Wiki Derechos Humanos“ eine Art natürlicher Weg der Aufarbeitung.

Unerwarteterweise expandierte das Projekte schnell und zahlreiche Wikimedia-Organisationen und -Gruppen der Regionen begannen sich zu beteiligen, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist sich in der Wikipedia im Themenfeld der Menschenrechte zu engagieren. In unserem Kontext haben wir verstanden, dass es in einem Land wie Argentinien, in dem alle 77 Stunden ein Mitglied der LGBT+-Community ermordet wird, auch wichtig ist, Wikipedia als sicheren Raum für die Sensibilisierung, Förderung und den Schutz der Menschenrechte zu nutzen.

Gruppenfoto der Konferenz „Menschenrechte im digitalen Raum“ organisiert von Wikimedia Argentinien. Ayelén Libertchuk, CC BY-SA 4.0

Seitdem wurden mehr als 250 Artikel geschrieben und mehr als 700 über die meisten Themen verbessert, die in lateinamerikanischen und karibischen Gesellschaften von Bedeutung sind, in denen häufig Menschenrechte verletzt werden. 30 Edit-a-thons wurden in Argentinien und 10 in anderen Ländern wie Mexiko, Paraguay, Chile, Kolumbien, Uruguay und Venezuela organisiert. All das haben wir nicht alleine organisiert, sondern in einer großartigen Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, NGOs, Wikimedia-Organisationen und -Gruppen und vielen Freiwilligen.

Die Ausrichtung der Konferenz „Menschenrechte im digitalen Raum“ ist quasi ein Beweis für das der Zeilen zuvor. Es war die erste Wikimedia-Konferenz, die einen Schwerpunkt auf Menschenrechte in Lateinamerika und der Karibik, auf mehreren digitalen Plattformen und in verschiedenen Disziplinen beleuchtete und förderte. Mehr als 20 zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter mehrere Wikimedia-Organisationen, und 240 Teilnehmende trafen sich und tauschten Arbeitserfahrungen, Projekte und Herausforderungen über den Umgang mit Menschenrechten im Internet und Demokratisierung des Zugangs zu Informationen aus.

Da Argentinien ein Land mit einer eng mit dem sozialen Bewegungen verbundenen Geschichte ist, ist eines der wertvollsten Ergebnisse der Konferenz das Verständnis, dass der Kampf für soziale Gerechtigkeit auch im Internet stattfinden muss. In diesem Sinne hat die Konferenz dazu beigetragen, die Grundlagen für die Koordinierung der Maßnahmen zwischen lateinamerikanischen und karibischen Organisationen zu schaffen, um diesen Prozess nicht nur aus argentinischer, sondern auch aus regionaler Sicht zu gestalten.

Um „Knowledge Equity“ (Wissensgerechtigkeit) zu erreichen, müssen wir unsere Vernetzung nicht nur innerhalb des Wikimedia-Netzwerks, sondern auch mit verschiedenen Partnern und Akteuren stärken, nicht nur um Zugang zu derzeit fehlendem Wissen zu erhalten, sondern auch um verschiedenen Communities selbst zu befähigen, ihre eigenen Geschichte zu schreiben (und nicht nur beschrieben zu werden).  Geschichte und ihr Gedächtnis gehören den Menschen – und Wikimedia-Projekte sind zweifellos große Verbündete, um die Geschichte all jener Communities zu schützen, die historisch ausgeschlossen wurden und nie die Chance hatten, gehört zu werden.

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Stacy aus Toronto: Knowledge-Equity-Kalender

Treffen zu indigenem Wissen in der Universitätsbibliothek der Ryerson-Universität, Januar 2019. Smallison, CC BY-SA 4.0

16. Dezember

Ein Großteil meiner Arbeit beschäftigt sich mit systemischen Barrieren beim Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen. Wissensgerechtigkeit („Knowledge Equity“) bedeutet, den Zugang zu Informationen in einem Umfeld zu gewährleisten, das auch die Menschenrechte achtet. Ich würde sagen, dass das reine Hinzufügen (Schaffen) von mehr Inhalten nicht gleichbedeutend ist mit „Wissensgerechtigkeit“. Ich denke, wir müssen wirklich darauf achten „Lücken füllen” nicht mit Gerechtigkeit gleichzusetzen.

Zum Beispiel produzieren Massen-Uploads von Inhalten keine Gerechtigkeit, wenn es Dinge in diesen Inhalten gibt, die in irgendeiner Weise verletzend sind, also z.B. kolonial geprägt sind. Und außerdem müssen wir überlegen, ob wir das Recht auf das Wissen von jemandem oder einem Volk, einer Gemeinschaft, einer Community überhaupt „haben“. Manchmal sind Lücken absichtlich und manchmal schaffen Lücken tatsächlich auch Gerechtigkeit. Es liegt in unserer Verantwortung, diese Themen als zentral für die Arbeit für Wissensgerechtigkeit zu betrachten. Und das können wir erreichen, indem wir mehr Menschen aus den Communitys einbeziehen, mit denen wir zusammenarbeiten wollen.

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Houssem aus Tunesien: Knowledge-Equity-Kalender

Gespräch über LGBT-Rechte in Nigeria während der „Write for Rights“ in Tunis. Sparrow (麻雀), CC BY-SA 4.0

15. Dezember

Wenn man weiß, dass viele Menschen auf dieser Welt gelebt und gestorben sind, weil sie denken, dass sie „krank“ und „nicht normal“ sind, weil niemand ihnen die richtigen Informationen zur Verfügung gestellt hat, oder wenn die Informationen für sie verfügbar sind, sie diese aber aufgrund von Sprachbarrieren nicht verstehen können, dann weiß man, dass es keine Wissensgerechtigkeit („Knowledge Equity“) gibt. Auch von einer anderen Seite, wenn Menschen aus dem „Globalen Norden“ an Stereotype glauben, die die Medien über den „Globalen Süden“ vermitteln, weiß man, dass Wissens-Ungerechtigkeit weltweit existiert und kein lokales Problem ist.

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Sherry in den USA: Knowledge-Equity-Kalender

Auf der WikiConference North America, erhielten die “Wikimedians of the Caribbean” den Preis für die aufregendste Neugründung. Sherry (in der Mitte) winkt und freut sich. Ruben Rodriguez, CC BY-SA 4.0

14. Dezember

Mein Name ist Sherry Antoine, ich bin der Programmdirektor von AfroCROWD. Ich denke, „Wissensgerechtigkeit“ (Knowledge Equity) bedeutet unter anderem gleichberechtigten Zugang für alle, die Wissenskuration, -produktion, -repräsentation verfolgen. Dazu gehört auch wortwörtlich der Zugang zu Technik, die Wikipedia in den entlegensten Gebieten der Welt ermöglicht, unabhängig vom Hintergrund (wer du bist) oder Vordergrund (wo du bist, was du hast).

In meiner Zeit als als Programmdirektorin von AfroCROWD, 2015 von Alice Backer gegründet, sind wir aus dem lokalen New Yorker Raum zunächst innerhalb der USA gewachsen und haben inzwischen ein Netzwerk mit Organisatoren und Partnern in Afrika und der Karibik. Ich bin auch die Organisation der neuen Gruppe “Wikimedians of the Caribbean User Group”. „Wiki Cari”, wie wir die Gruppe liebevoll nennen, wurde Ende 2018 gegründet und wurde im Frühjahr als „Wikimedia User Group“ anerkannt, und hat bereits Veranstaltungen auf der ganzen Welt durchgeführt hat. In beiden Gruppen, Wikimedias of the Caribbean und AfroCROWD, arbeiten wir daran, jede Chance zu nutzen, um die Wikimedia-Community in der Welt wachsen zu lassen und zu vernetzen.

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Marc aus Katalonien: Knowledge-Equity-Kalender

Geolokalisierte Artikel im arabischen Kontext: Es gibt 23.007 geolokalisierte Artikel in arabischsprachigen Ländern in der arabischsprachigen Wikipedia. Marcmiquel, CC BY-SA 4.0

13. Dezember

Mein Name ist Marc Miquel, ich arbeite an einem Projekt namens Wikipedia Cultural Diversity Observatory (WCDO). Das Projekt soll Raum für Forschenden wie Aktivisten schaffen, um die Inhaltsvielfalt von Wikipedia zu untersuchen, die strategischen Bedürfnisse zu diskutieren und Lösungen zur Verbesserung und Bekämpfung der Wissenslücken vorzuschlagen.
Das Projekt will sowohl die Ursachen der Wissens-Lücken erklären als auch ein Bild der kulturellen Repräsentation jeder Sprache an jedem Ort der Welt vermitteln und gleichzeitig den sprachübergreifenden Austausch über Inhalten anregen. Um die Wissenslücken zu schließen, wollen wir das Bewusstsein schärfen, indem wir verschiedene Arten von Werkzeuge und Materialien bereitstellen: Datensätze, Visualisierungen und Statistiken sowie Listen von Artikeln und Werkzeugen, die die relevantesten Lücken aufzeigen, die es zu schließen gilt.

Marc stellt seine Arbeit auf der WikiArabia 2019 vor. Noureddine Akabli, CC BY-SA 4.0

Eine Lösung dafür zu finden wie die Wissenslücken der Wikipedia geschlossen werden können ist eine große Herausforderung – von Aspekten der kulturellen Vielfalt bis zur Geschlechtervielfalt. In diesem Projekt möchte ich jedoch etwas Licht ins Dunkle bringen und das Bewusstsein dafür schärfen, um ein gemeinsames Verständnis der Problemlage zu bekommen. Hauptziel ist es Forschungsergebnisse verständlich zu machen, herunterzubrechen, und damit es jedem einzelnen Community-Mitglied einfach zu machen   daran zu arbeiten und Aktivitäten zu organisieren. Aus diesem Grund veröffentlichen wir wissenschaftliche Arbeiten, die alle verschiedenen technischen Methoden erklären, um Inhalte zu analysieren und wie wir die wichtigsten Lücken im Zusammenhang mit Geschlecht und kultureller Vielfalt quantifizieren. 

Ich stelle mir vor, dass sich jede Community bis 2030 der Lücken „ihrer“ Wikipedia bewusst ist, sowohl in den Inhalten, die sie erstellen sollte, um ihren unmittelbarsten Kontext angemessen darzustellen (von geografischen Orten, Traditionen, Denkmälern, Prominenten usw.) als auch in den Inhalten, die sich auf die Kontexte der anderen Sprachen beziehen. Ich gehe davon aus, dass sich die Zusammenarbeit zwischen den Sprachcommunitys von Wikipedia zur Abdeckung kultureller Inhalte in den kommenden Jahren verstärken wird. Entweder mit Projekten wie dem „Asiatischen Monat“, die alle einladen, über Asien zu schreiben, oder mit Interkultur und CEE Spring, die den Austausch von Artikeln zwischen den Sprachen der iberischen Halbinsel und zwischen den Sprachen der mittel- und osteuropäischen Länder fördern.

Alles in allem bin ich zuversichtlich, dass die Vielfalt unserer Inhalte eines der Hauptziele für die Zukunft sein wird. „Wissensgerechtigkeit“ (Knowledge Equity) ist der richtige Weg, um denjenigen zuzuhören, die uns deutlich machen, woran wir noch arbeiten müssen. Denn wenn wir wirklich das gesamte Wissen der Menschheit sammeln wollen, müssen wir dabei auch alle einbeziehen.

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Majd aus Beirut: Knowledge-Equity-Kalender

Map des Dorfes von Majd Großeltern, Lubya in Palästina, ~1940er, von palopenmaps.org
Survey of Palestine (a British Mandate institution), Map of Lubya, Palestine, 1 to 20,000, 1940s, marked as public domain

12. Dezember

Für mich bedeutet „Knowledge Equity“ („Wissensgerechtigkeit”), dass wir die Prinzipien wie Demokratie und Selbstbestimmung auf die Wissensproduktion und -verbreitung anwenden. Das bedeutet in der Praxis sehr viel: Es geht darum, Stimmen, die historisch zum Schweigen gebracht wurden, aktiv einzubeziehen; es geht darum, sicherzustellen, dass die Art und Weise, wie sie die Welt verstehen, ein zentraler Bestandteil der Art und Weise ist, wie wir unsere Wissensschätze gestalten. Das bedeutet, dass Institutionen, die behaupten, dass „Wissensgerechtigkeit“ ein Teil ihrer Mission ist, tatsächlich Mechanismen und Systeme in unseren Ländern für uns bereitstellen, in denen wir arbeiten, denken und produzieren können.

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Rupika aus Indien: Knowledge-Equity-Kalender

Ein Wikisource-Korrekturlese-Event der Punjabi-Community. Satdeep Gill, CC BY-SA 4.0

11. Dezember

Für mich bedeutet „Knowledge Equity“ („Wissensgerechtigkeit“) die Einbeziehung von marginalisierten Stimmen in unserem Wikimedia-Netzwerk. Es bedeutet auch freien und einfachen Zugang zum lokalen Kulturerbe und zu indigenem Wissen. Das Problem sind heutzutage die Einschränkungen und Barrieren, die uns daran hindern, dieses Wissen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – sei es in Form von eingeschränktem Zugang zu den Werken der Kulturinstitution oder in Form von fehlenden Plattformen, auf denen wir mündlich tradiertes Wissen bewahren.

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Bojan aus Serbien: Knowledge-Equity-Kalender

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Pride Parade in Belgrad, Serbien, 2019
Bojan Cvetanović, Pride Serbia 2019 – Start at Pioneers Park, Belgrade, CC BY-SA 4.0

1. Dezember

Mein Name ist Bojan Cvetanović und ich bezeichne mich als „queer fetishist“. Ich bin mir bewusst, dass ich zwar ein „traditionelles“ männliches Aussehen und damit verbundene Privilegien habe. Dennoch sehe ich mich als „agender“. 2015 habe ich begonnen als Büroleiter Wikimedia Serbien zu arbeiten, war aber nicht weitere bei Wikimedia involviert. Im Laufe der Zeit habe ich aber gelernt, Wikipedia selbst zu bearbeiten. Ich habe meinen ersten Artikel 2017 geschrieben („Demisexualität“ in der serbisch-sprachigen Wikipedia) – das war für mich ein bahnbrechender Moment!

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Bojan mit Ostroga auf der Pride-Parade
Bojan Cvetanović, Belgrade Pride 2019 – Bojan & Ostroga, CC BY-SA 4.0

Ich lebe in einer starken patriarchalischen Gesellschaft. Das führt dazu, dass die meisten Artikel sich um heterosexuelle Männer und ihre Interessengebiete drehen. Ganz zu schweigen von all den Problemen mit Geschichtsartikeln zum Thema Balkan (Stichwort: Nationalismus). Mit der Stärkung der feministischen Bewegungen in Serbien begann Wikimedia Serbien, mehr Aktivitäten zu organisieren, die sich darauf konzentrierten, mehr Frauen für die Wikipedia-Community zu gewinnen. Für mich geht es bei „Knowledge Equity“ nicht darum, das Wissen über heterosexuelle cis-Männer und Frauen zu vermitteln. Die Welt ist zu vielfältig, um so engstirnig zu sein. Um „Knowledge Equity“ zu erreichen, müssen wir viel mehr andere Kulturen kennenlernen und Wissen über sie sammeln und vermitteln.

Im Jahr 2017 begann ich mit der „Wiki Love Pride“ in Serbien umzusetzen. Bei „Wiki Loves Pride“ geht es vor allem darum Edit-a-thons (Schreibwerkstätten) zu LGBT+-Themen zu organisieren, aber auch Fotos von CDS-Paraden und anderen queeren Veranstaltungen zu machen. Wir haben sehr großer Hilfe der Belgrade Pride Association, Civil Rights Defenders, und anderer LGBT+-Organisationen bekommen; sie haben uns mit Literatur, Veranstaltungsräumen, Freiwilligen, und Fotospenden unterstützt. 2019 haben wir dann einen Rekord aufgestellt: Wir haben mehr als 40 Artikel an einem Tag geschrieben, und hatten mehr als 20 Teilnehmer. So hat die serbischsprachige Wikipedia nun alle der 50 grundlegenden Artikel rund um LGBT+ und queere Themen, die jede Sprachversion von Wikipedia haben sollte.

Die größten Herausforderungen rund um Wiki Loves Pride sind definitiv Fälle von Homophobie und Transphobie unter Wikipedianern sowie ein Mangel an Motivation, Freiwilligen und Freizeit. Die serbische Wikipedia-Community besteht hauptsächlich aus cis-heterosexuellen Männern. Ich bin Teil einer Minderheit, und ich muss bei jedem Schritt, den ich mache, vorsichtig sein – was viel Zeit, Energie und Nerven kosten kann. In diesem Zusammenhang brauchst du mehr Leute (Freiwillige), die deinen Standpunkt verstehen und die Artikel und Bearbeitungen verteidigen und unterstützen, die du gemacht hast. Wir leben in einer so vielfältigen Welt. Deshalb sollte jeder einen Schritt in andere und unbekannte Themen machen. Jede Kultur, jede Sprache, jeder Ort, jede Gemeinschaft, jede Person hat etwas Wissen und Erfahrung, das dein Leben bereichern kann. Stellen dir doch mal vor, wir würden das alle jedem auf diesem Planeten zur Verfügung stellen. Das ist ja schließlich unser Ziel!

Um Wissensgerechtigkeit („Knowledge Equity“) im serbischen Kontext zu erreichen, sollten wir (mehr) mit Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeiten, insbesondere mit solchen, die sich mit Geschlechtergerechtigkeit und nationalen Minderheiten befassen. Durch eine engere Zusammenarbeit mit den anderen Wikimedia-Communities auf dem Balkan geben könnte wir mehr tolle Projekt organisieren!

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* Wiki Loves Pride 2019/Serbia
* Commons-Kategorie “Wiki Loves Pride in Serbia”