Alice aus Uganda: Knowledge-Equity-Kalender

Alice (zweite von rechts) mit anderen Mitstreitenden der „Wikimedia Community User Group Ugandab. Bukulu Steven, CC BY-SA 4.0

24. Dezember

Es gibt verschiedene Arten von Wissenslücken und -gräben, zum Beispiel die zwischen den Generationen, die technologische Kluft zwischen dem sog. „Globalen Norden“ und dem „Globalen Süden“. Die wichtigsten sind für mich jedoch gar nicht diese „Wissenslücken“, sondern die „Gewusst-Wie-Lücke“ (Alice nennt diese auf Englisch „Know Do gap”, für das es keine adäquate Übersetzung gibt, Anm. d. Übersetzers).

Wenn wir Wissen sorgfältig als „alle Fakten, die jemand über ein bestimmtes Thema weiß” und Equity (zu Deutsch in etwa: Chancengleichheit/Gerechtigkeit) als „eine faire und vernünftige Art und Weise des Verhaltens gegenüber Menschen, so dass alle gleich behandelt werden“ (siehe Macmillan English Dictionary for Advanced Learners) betrachten – macht es nur Sinn, dass wir als Wikimedia, wenn wir mit Freiem Wissen arbeiten, gemeinsam darauf hinarbeiten sollten. Während einige Faktoren in allen Bereichen gleich sind, sollte es definitiv keinen „one size fits all”-Ansatz geben.

Alice Kibombo mit Jimmy Wales während der Wikimania 2019. AKibombo, CC BY-SA 4.0

Ein Großteil meiner Arbeit hatte eigentlich ein ziemlich simples, ja fast schon profan einfaches Ziel: die massive Erweiterung der Inhalten zu Uganda auf Wikipedia und Wikidata, unabhängig von Thema. Dabei ging es mir nicht so sehr um die Qualität als vielmehr um die Quantität der Inhalte. Im Nachhinein betrachtet war das eigentlich ein Fehler meinerseits, mein vorhandenes Wissen nur zur Verbesserung der Situation einzusetzen – ich wusste es, aber ich tat es nicht, daher die „Gewusst-Wie-Lücke“.

Auf dem Weg, als Autorin wie Organisatorin verschiedener Veranstaltungen im Rahmen verschiedener Projekte und Wettbewerbe in Uganda, fiel mir diese Gleichgewicht aus den Augen. Wir organisierten eine Reihe von Veranstaltungen und Schreibwerkstätten, aber wir kamen aus verschiedenen Gründen gar nicht an unsere Ziele heran. Natürlich sind die bestehenden Methoden in einer Form bewährt und funktional, aber meist dienen sie quasi nur als Möglichkeit der Vergrößerung der „Wissenshalden“ mit viel Verbesserungspotenzial.

Nach Beratung und sorgfältiger Überlegung haben wir uns beim Herantasten an die ugandischen GLAM-Institutionen für einen anderen Ansatz entschieden. Statt einfach direkt eine Schreibwerkstatt zu organisieren, haben wir einen sogenannten „Sensibilisierungstag“ (Sensitisation Day) veranstaltet: Wir haben Wikimedia und Projekte erklärt, der Zustand und die Darstellung der ugandischen GLAM-Institutionen und wie sie bei Wikipedia und den Schwesterprojekten vertreten sind – und wie sich die GLAM-Institutionen einbringen könnten. Im Vorfeld profitierten wir sehr von der Beratung einzelner Expertinnen und Experten, um bereits im Vorfeld „gut zu sondieren“, so dass eine Vielzahl von Personen vertreten war – aber auch die „richtigen“.

Das Feedback, das wir im Rahmen der Veranstaltung erhielten, war sehr hilfreich – wir sollten mehr in lokale Lösungen investieren, die besonders darauf acht geben, wie mögliche Nutzerinnen und Nutzer das relevante Wissen verwenden können. Die verfügbaren Techniken und Technologien auswerten, um die auszuwählen, die den lokalen Anforderungen entsprechen – aber auch Schnittstellen und Verwendbarkeit im internationalen Kontext gewährleisten. Lokal war das entscheidende Wort – unsere Teilnehmenden wollten das Heft selbst in der Hand haben (oder wie man auf Englisch sagen würde: „Ownership“).Bis 2030 und darüber hinaus wird es weniger darum Wissenslücken und -löcher zu schließen, als vielmehr darum, wie wir die „Gewusst-Wie-Lücken“ im Kontext der globalen Wissensgerechtigkeit angehen können. Nach meiner Erfahrung funktioniert es viel besser, wenn wir die Menschen dafür sensibilisieren, wer wir (als Wikimedia) sind, was wir tun und vor allem WARUM wir es tun – denn dann wissen die Menschen besser, was sie mit dem Wissen über das sie verfügen, anfangen können. Auch auf „strategischer“ Ebene das jeweilige Wissen und die jeweiligen Kompetenzen zu pflegen und wertzuschätzen, schafft bessere und innovative Projekte mit lokaler Relevanz. Oder um es mit den Worten von Katherine Bates in der Rolle der Dorothy Kenyon in dem Film “On the Basis of Sex” zu sagen: „Erst das Denken verändern“ (Change minds first)


Wikimedia Israel: Knowledge-Equity-Kalender

Senioren und ihr Wissen sind ein wichtiger Wert für die Gesellschaft, also auch für Wikipedia – aber sie stehen vor vielen Herausforderungen und Barrieren bei der Bearbeitung von Wikipedia.
Shai-WMIL for Wikimedia Israel, Wikimedia Israel Senior Citizens editing course, summer 2018 – 1, CC BY-SA 4.0

23. Dezember

Im Laufe ihrs Leben sammen heutige Senioen einen großen Wissensschatz an – eine unglaublich wertvolle Ressource. Aus diesem Grund haben wir ein eigenes Workshopprogramm für Seniorinnen und Senior bei Wikimedia Israel gegründet, um ihnen die Möglichkeit zu geben sich in der hebräischen Wikipedia-Community zu engagieren. Ihr Wissen ist von großem Wert für die Community, gleichzeitig haben Seniorinnen und Senior aber auch mit einigen Hürden zu kämpfen. Zum Glück sind viele davon aber nicht so entscheidend, und wir geben ihnen die Werkzeug an die Hand, damit sie sich in der Community einfinden können und Informationen beitragen können, die für ihre Altersgruppe wie auch für alle anderen nützlich sein können.  

Wir arbeiten daran, so viele Senioren wie möglich für unseren Kurs zu gewinnen, Frauen und Männer gleichermaßen. Unsere Herausforderung besteht darin, dass sich die Absolventinnen und Absolventen unseres Seniorenprogramms nach Abschluss des Kurses auch weiterhin in der Wikipedia-Community engagieren. Ein großer Vorteil des Programms ist definitiv, dass Wikipedia dadurch viel mehr unterschiedlichem Wissen aus unterschiedlichen Blickwinkeln mehrerer Generationen gewinnt. Der zweite Vorteil ist, dass dieses Programm den teilnehmenden Senioren viel bedeutet und tatsächlich ihr Leben verändert. Nach der Pensionierung fühlen sich einige von ihnen nicht mehr aktiv und produktiv, und unser Workshop-Programm ist tatsächlich eine großartige Ergänzung für diese Menschen und gibt ihnen einen sinnvollen Zweck, um ihre Freizeit zu nutzen.

Eine Gruppe von Senioren aus Haifa, scherzhaft von WMIL-Mitarbeitern „Die fantastischen Zehn“ genannt, da ihr Kurs mehr als 740 Artikel in der hebräischen Wikipedia verfasste.
Shai-WMIL for WMIL, Senior Citizens editing course – winter 2019, Haifa 2, CC BY-SA 4.0 

Unsere Teilehmenden sehen sich aber auch mit sozialen Barrieren konfrontiert, sie empfinden die Online-Welt eher als “junge Welt”. Wir helfen auch mit den technischen Dingen, aber das ist nicht der Kern des Kurses: Denn Wikipedia als Gemeinschaft und die Strukturen, die darunter liegen, sind meist am schwersten zu erlernen.

Es war für uns ein langer Lernprozess Menschen dazu zu bringen, sich für unsere Kurse zu bewerben. Wenn sie sich bewerben, werden sie erstmal getestet, wie „computerfit“ sie sind, so dass wir uns in unseren Lehrinhalten nur der Wikipedia-Technik widmen können. Unser Ziel ist es, die hebräische Wikipedia mit qualitativ hochwertigen Inhalten zu füllen; unser Training ermöglicht es ihnen Änderungen vorzunehmen und bietet Unterstützung, damit diese auch in den Artikeln bleiben. Unser zweites Ziel ist es, Senioren durch Wikipedia zu helfen, ein wichtiger und geschätzter Teil der Community zu werden.

Insgesamt sehen wir, dass gut ein Drittel aller Kursteilnehmenden nach Abschluss des Kurses, also nachdem sie die Fähigkeiten zum Wikipedia-Bearbeiten erlernt haben, sich weiterhin online engagieren. Die Herausforderung besteht darin, älteren Nutzern die Bedeutung von offenen Inhalten verständlich zu machen, und zu wissen, dass alles auch von anderen Wikipedianern bearbeitet werden kann, auch wenn er oder sie kein Profi ist. Menschen aus dieser Altersgruppe sind meist an die Wissens-Hierarchie der alten Welt gewöhnt. Aber sie haben die Möglichkeit zum gesamten Wissensschatz der Wikipedia beizutragen, indem sie über ihre Interessengebiete schreiben: ob es sich nun um Virenthemen, Faserkunst oder einen pensionierten Geographie-Professor handelt, der Dutzende von Geographie-Artikeln bearbeitet.

Ja, unser Programm hat ziemlich klein angefangen, aber wir sehen das großartige Feedback der Teilnehmenden und die wachsende Anzahl von Artikeln, so dass sich das Programm für beide Seiten schon lohnt. Senioren haben der Gesellschaft so viel zurückzugeben, deshalb haben wir mehr und mehr Kurse in verschiedenen Teilen Israels gründet und werden weiterhin Seniorinnen und Senioren motivieren mitzumachen.

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Mahuton aus Benin: Knowledge-Equity-Kalender

Mahuton presenting at the Showcase session of the Wikimedia Hackathon 2018 how Amir Aharoni and he developed a keyboard layout for Fon
Michael Holloway, Wikimedia Hackathon 2018 10, CC BY-SA 4.0

22. Dezember

Mein Name ist Mahuton, ich komme aus Benin, aber ich lebe die meiste Zeit in Frankreich. 2015 begann ich in der Wikipedia zu schreiben. Damals suchte ich nach einem Weg, um mehr Wissen für mehr Menschen zugänglich zu machen, die in meinem Land weder Französisch noch Englisch sprechen, und ich dachte, Wikipedia wäre doch eigentlich bei weitem der beste Ort dafür. Aber mir wurde klar, dass es keine Wikipedia in einer Sprache Benins gibt. Meine Frage war also: Was kann ich tun, um eine Wikipedia in Fon zu gründen? Fon ist die meistgesprochene Landessprache in Benin.

2018 hatte ich das Glück am Wikimedia-Hackathon in Barcelona teilzunehmen, da ich nach der offiziellen Anmeldefrist noch eine Einladung von Tony Hermoza, einem spanischen Wikimedianer, erhielt. Am ersten Tag des Hackathons traf ich zufällig Amir Aharoni – Softwareentwickler für Sprachen bei der Wikimedia Foundation – auf dem Korridor. Wir lernten uns kennen und erzählten uns gegenseitig unsere Projekte. So erzählte ich davon, dass es keine Wikipedia-Version in einer beninischen Sprachen gibt – „In meinem Land sprechen mehr als 4 Millionen Menschen Französisch, aber wir haben keine Wikipedia in einer Landessprache Benins”. Daraufhin sagte Amir, dass wir das gemeinsam lösen könnten.

Mahuton Possoupe
ZMcCune (WMF), Mahuton Possoupe WikiIndaba 2018, CC BY-SA 4.0 

Obwohl Fon das lateinische Alphabet verwendet, gibt es einige unübliche Sonderzeichen. So ist es für viele tatsächlich eine Herausforderung, Fon korrekt zu schreiben, da oft korrekte Tastatur-Layouts fehlen. Also begannen Amir und ich, ein Fon-Tastaturlayout auf Basis einer bestehenden Schriftfont-Bibliothek zu entwickeln. Die ersten Tests verliefen reibungslos, so dass Amir schnell ein Fon-Wikipedia-Projekt im Wikimedia-Inkubator gründete. Er fragte auch einen anderen Wikimedianer, der daraufhin ein Wikipedia-Logo in Fon entwarf.

Gleich danach begann ich, erste Artikel in Fon zu schreiben. Und um ehrlich zu sein, die Fon-Wikipedia ist die erste Webseite, die komplett in Fon geschrieben ist und ich bin wirklich stolz darauf. Ich denke, es ist wichtig, die meistgesprochene Sprache Benins auch online zu fördern. Auch wenn es ein wenig schwierig ist, neue Mitarbeiter für die Fon-Wikipedia zu gewinnen, machen wir Fortschritte. Die Ersten haben schon angefangen, Artikel zu schreiben, Wissen für alle in unserer eigenen Sprache zugänglich zu machen, das macht mich wirklich stolz.

Ich hoffe, bald in mein Heimatland reisen zu können und die Fon-sprechenden Teile Benins zu besuchen, um das Bewusstsein für die Wikipedia in Fon zu erhöhen – und ich denke, dass ich es auch den beninischen Entscheidungsträgern bewusst machen kann. Ich würde mich auch über finanzielle Unterstützung freuen, um Editathons und Workshops zu organisieren, um das Editieren in der Fon-Wikipedia anderen Menschen beibringen zu können. Wenn alles gut läuft, will ich März nächsten Jahres die wirklich erste wikipedianische Fon-Community gründen!

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Bara’a aus Palästina: Knowledge-Equity-Kalender

Bara’a bei einer Wikipedia-Bildungsveranstaltung an der Universität von Hebron
براء, Education wikipedia program of Hebron20, CC BY-SA 4.0 

21. Dezember

Ich bin Bara’a, eine Architektin aus Hebron in Palästina. Seit 2017 bin ich Autorin in der arabischsprachigen Wikipedia. Ich habe an vielen Schreibwettbewerben, Konferenzen und Workshops teilgenommen, aber ich leite auch das Wikipedia-Bildungsprogramm hier und koordiniere die Aktivitäten und Veranstaltungen der vier Länder überspannenden Wikimedia-Gruppe „Wikimedia Levante“. Im Rahmen unsere Aktivitäten wie Worskhops, Veranstaltungen, Bildungsprogramme an Schulen und Universitäten, versuchen wir konstant neue Autorinnen und Autoren für die Wikipedia anzuwerben. All diese Bemühungen sollen Menschen dabei unterstützen, freies Wissen beizutragen, zu bearbeiten, hinzuzufügen und zu teilen. Unsere Teilnehmenden sind relativ divers, männlich wie weiblich, unterschiedlichen Alters und Fachrichtungen – das finde ich sehr gut, das verringert die Vorurteile und vor allem den sogenannten „Gender Gap“. 

Bara’a Zamara
Llywelyn2000, Baraa Zamara (Palestine) with the Wikipedia in Education Program in Palestine poster 2019 (cropped), CC BY-SA 4.0 

Hier in Palästina haben wir viele Schwierigkeiten, neue Autorinnen und Autoren in unserer Region zu gewinnen – ich denke, es ist schwieriger als in anderen Ländern. In bestimmten Gebieten Palästinas dürfen wir aufgrund der politischen Bedingungen und der militärischen Besetzung keine Veranstaltungen und Workshops durchführen. Auch wegen der Bewegungseinschränkungen organisieren wir Online-Workshops, aber es nehmen viel weniger teil als bei einem Offline-Workshop. Zusätzlich zu dem mangelnden Bewusstsein über die Notwendigkeit und Möglichkeit, Inhalte zur Wikipedia beizutragen, haben wir oft auch das Problem, dass wir keine Visa für die Ausreise erhalten, um z.B. an Konferenzen oder Workshops in anderen Ländern teilzunehmen – besonders wenn es um die Arbeit als Freiwillige geht. Mir ist das auch schon passiert und wurde grundlos an der Grenze nach Hause geschickt.

Das größte Problem hier in Palästina ist die geringe Zahl an Freiwilligen, die in der Wikipedia mitschreiben, aber auch allgemein Zeit haben, Aktivitäten wie Workshops zu organisieren – und letztendlich mithelfen können von der Idee wegzukommen „dass nur Männer diese Arbeit machen können”. Wir müssen mehr Gleichheit und Gerechtigkeit kämpfen, und deutlich machen Wissen ein Recht für jeden Menschen ist, unabhängig vom Geschlecht. Vielen Frauen fehlt hier die Motivation etwas beizutragen. Hinzu kommt, dass neben dem Fehlen von Materialien zum Beispiel nicht alle Schülerinnen und Schüler über internetfähige Geräte verfügen. Und während in meiner Stadt Hebron die Internetverbindung meistens recht gut ist, gibt es in Teilen Palästinas, wie z.B. in Gaza, nur wenige Stunden am Tag Internet. Wie willst du unter diesen Bedingungen jemanden motivieren, einen Beitrag zu Wikipedia zu leisten?

In Zukunft müssen wir versuchen uns noch mehr anstrengen auch Feministinnen und Feministen anzuwerben, und sie zu Veranstaltungen und Workshops einladen. Indem wir sie technisch, aber auch moralisch unterstützen, bieten wir ihnen ein sicheres Umfeld, in dem sie Rede- und Meinungsfreiheit erfahren.

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Rohini und Chinmayi aus Indien: Knowledge-Equity-Kalender

Chinmayi S K, Community Toolkit Banner 04b(1), CC0 1.0 

20. Dezember

„Wissensgerechtigkeit“ (Knowledge Equity) bedeutet im Wesentlichen, ein Ungleichgewicht durch zwei Mittel zu beheben: den gleichberechtigten Zugang zum Wissen für Gruppen, die traditionell davon ausgeschlossen sind, und die Anerkennung des Wissens, über das verschiedene soziale Gruppen verfügen.  

So wurden Frauen beispielsweise auf dem indischen Subkontinent im 19. Jahrhundert keine Möglichkeiten für formale Bildung oder auch nur eine grundlegende Alphabetisierung gewährt. Auch die Rede- und Meinungsfreiheit wird Frauen in vielen Teilen der Welt nach wie vor verwehrt. Geschichten, akademischen Werke, Bücher, Folklore, mündliche Erzählungen und Alltagspraktiken weniger privilegierter sozialer Gruppen werfen ein Licht auf den Standpunkt und die gelebten Erfahrungen von Menschen, die traditionell von dominanteren sozialen Gruppen überschattet werden. Diese mündlichen Überlieferungen werden jedoch nicht als legitime Wissensquellen anerkannt. Allenfalls werden sie als anekdotische Beweise, „Erinnerungen“ oder, üblicherweise, als „unzuverlässige Wissensquellen“ angesehen.

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Deutsche Kultur den mazedonischsprachigen LeserInnen nähergebracht

Das Jahr 2019 markiert das 270. Jubiläum der Geburt vom vordersten deutschen Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe. Aus diesem Grund hat Shared Knowledge mit dem Goethe-Institut in Skopje an einer Inhaltsübersetzungsinitiative aus der deutschen Wikipedia mit dim Ziel die deutsche Kultur den mazedonischsrpachigen LeserInnen näherzubringen mitgearbeitet. Die Mitarbeitung resultierte in in zwei Projekten geteilten Aktivitäten, die in zwei Phasen durchgeführt werden – die erste in der National- und Universitätsbibliothek in Skopje von März bis Juni unter dem Name WikiLiga und die zweite in den Stadtbibliotheken in Strumica, Bitola, Veles und Kumanovo von September bis Dezember unter dem Name WikiStadtklub.

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Mónica aus Kolumbien: Knowledge-Equity-Kalender

Wayuu-Frauen lernen über Wikipedia und schreiben neue Artikel in der Wayuunaiki-Sprachversion der Wikipedia während eines Workshops in Guajira

19. Dezember

Für mich ist „Wissensgerechtigkeit“ ein Idealzustand, ein Ziel, etwas, das wir verfolgen und das uns motiviert Dinge voranzubringen, die die Teilnahme und Teilhabe von mehr Menschen zu Wikimedia ermöglicht. Ich denke, wir alle haben etwas beizutragen, Wissen, das von unseren Vorfahren geerbt wurde und das auf Handlung, Sein und vorort Leben basiert. Wir treffen dabei auf unterschiedlichste Herausforderungen und Probleme und finden unterschiedliche Lösungen, je nachdem wie wir uns organisiert und wo wir leben.

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Farhad aus Russland: Knowledge-Equity-Kalender

Im September 2019 fand in Moskau die russische Wiki-Konferenz 2019 statt. Mehr als 40 Menschen aus verschiedenen russischen Regionen nahmen teil und diskutierten unter anderem darüber, wie die Wikimedia-Projekte in den Sprachen der Russischen Föderation weiterentwickelt werden können.
Dmitry Rozhkov, Moscow Wiki-Conference 2019 – group photo 2, CC BY-SA 4.0 

18. Dezember

Ich bin davon überzeugt, dass die Möglichkeit Zugang zu haben und einen Beitrag dazu zu leisten, von Ressourcen wie einer nachhaltigen kulturellen Infrastruktur als auch Kaufkraft abhängt, die freie Zeit für unproduktive kreative Aktivitäten lassen. Auch die Wikidata-Heat Map scheint meine These zu unterstützen – unsere kollektive „Wissensgerechtigkeit“ (“Knowledge Equity”) ist weder vollständig, noch nachhaltig, noch vielfältig, noch mehrsprachig genug.

Farhad Fatkullin
VGrigas (WMF), Farkhad Fatkullin, CC BY-SA 3.0 

Natürlich deckt diese Karte nicht den Himmel und die immateriellen Bereiche ab, sondern deutet auf Kulturen hin, deren Wissen uns am meisten fehlt. Wir können die Menschen nicht zwingen, selbstlos zu werden, und ihr Wissen beizutragen. Also ist der einzige andere Weg, eine vielfältige und nachhaltige „Wissensgerechtigkeit“ zu erreichen, die vernachlässigten Communities zu unterstützen und zu befähigen, sodass ihre Barrieren überwinden können, und beitragen können. „Technische, soziale und politische Barrieren“ sind eindeutig nicht die Hauptgründe, wieso Menschen in meinem Land nicht an den Wikimedia-Projekten teilnehmen, und ich denke, das Gleiche gilt für andere dunklere Bereiche der Karte.

Meine Heimatregion in Russland nennt sich Republik Tatarstan und hier genießen wir als Wikimedia-Community eine große Unterstützung durch die Regionalregierung, die uns dabei hilft eine breitere Öffentlichkeit für die Nutzung von Wikimedia-Projekten zu erreichen, wie auch mehr tatarische Inhalte zu schaffen. gewinnen. Wir schauen gerade noch, was welche weiteren Möglichkeiten wir nutzen könnten, um mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen.

All dies und noch mehr geschieht dank unbekannter Helden – den freiwilligen Wiki-Beitragenden, die wir vielleicht nie treffen oder gar darüber nachdenken, also versuchen wir unser Bestes, um zumindest einige zu loben. Seit 2011 vergibt Wikimedia Russland jährlich Wiki-Preise, und wir schauen gerade, ob wir solche Auszeichnungen nicht noch häufiger vergeben können. Im vergangenen Jahr haben wir uns mit einer Partner-GO zusammengetan, die sich für die wachsende Mehrsprachigkeit in Russland engagiert, und am Ende nicht nur Preise, sondern auch Diplome von Regionalministern für Bildung und Kultur an führende Wikimedianer vergeben.

Wie jedes andere Land steht auch mein Heimatland in seinen nationalen und internationalen Beziehungen vor komplexen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und technischen Herausforderungen. Die Tatsache, dass die Wikimedia Foundation Wikimedia Russland nicht finanzieren kann, zwingt uns dazu uns selbst zu finanzieren, genau wie es im 2030-Strategieprozess empfohlen wird. Uns es gibt noch viel von den über 30 Sprachgemeinschaften Russlands zu lernen, die fast alle aktive Wikimedia-Projekte, zumindest im Inkubator, haben.

Bis 2030 würde ich mir wünschen, dass die Wikidata-Karte viel heller wird und in so vielen Sprachen wie möglich verfügbar ist. Aber ich denke auch, dass wir eine global agierende russischsprachige Dachorganisation, mit lokalen Gruppen in allen großen Städten der Welt, in den Russisch gesprochen wird. Aber auch vor Ort brauchen wir ein System, um alle in Russland ansässigen Sprachgemeinschaften dabei zu unterstützen in den Wikimedia-Projekten mitzumachen, angefangen bei den größten.

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  • Farhads Rede während der Abschlusszeremonie der Wikimania 2019 (Text, Video)


Wikimedia Argentinien: Knowledge-Equity-Kalender

Eine der von der Organisation „Barrios x Memoria y Justicia“ verlegten Fliesen in der Stadt Buenos Aires. In diesem Fall zu Ehren von Irene Krichmar und Miguel Ángel Butron, die am 18.6.1976 in der Öffentlichkeit verschwanden. Maria Isabel Munczek, CC BY-SA 4.0

17. Dezember

Wiki Derechos Humanos” („Wiki Menschenrechte“) ist ein Projekt von Wikimedia Argentinien, das seit 2018 entstand, und sich seit zu einem überregionalen Projekt in Zusammenarbeit mit anderen Wikimedia-Organisationen entwickelt hat. Die Idee dahinter ist vor allem die Schaffung qualitativ hochwertiger und aktueller Informationen in der Wikipedia über Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in unserem Land während der letzten Diktatur begangen wurden.

Die ersten Artikel, die erstellt und verbessert wurden, bezogen sich auf die sogenannten „Memoria, Verdad y Justicia“-Prozesse. Dies ist kein Zufall. Argentinien war eines der ersten Länder, das Mitglieder der Streitkräfte und andere Akteure der de facto-Regierungen, die im Rahmen der Operation Condor die Macht innehatten, vor Gericht brachte. In dem Sinne war das Projekt „Wiki Derechos Humanos“ eine Art natürlicher Weg der Aufarbeitung.

Unerwarteterweise expandierte das Projekte schnell und zahlreiche Wikimedia-Organisationen und -Gruppen der Regionen begannen sich zu beteiligen, um deutlich zu machen, wie wichtig es ist sich in der Wikipedia im Themenfeld der Menschenrechte zu engagieren. In unserem Kontext haben wir verstanden, dass es in einem Land wie Argentinien, in dem alle 77 Stunden ein Mitglied der LGBT+-Community ermordet wird, auch wichtig ist, Wikipedia als sicheren Raum für die Sensibilisierung, Förderung und den Schutz der Menschenrechte zu nutzen.

Gruppenfoto der Konferenz „Menschenrechte im digitalen Raum“ organisiert von Wikimedia Argentinien. Ayelén Libertchuk, CC BY-SA 4.0

Seitdem wurden mehr als 250 Artikel geschrieben und mehr als 700 über die meisten Themen verbessert, die in lateinamerikanischen und karibischen Gesellschaften von Bedeutung sind, in denen häufig Menschenrechte verletzt werden. 30 Edit-a-thons wurden in Argentinien und 10 in anderen Ländern wie Mexiko, Paraguay, Chile, Kolumbien, Uruguay und Venezuela organisiert. All das haben wir nicht alleine organisiert, sondern in einer großartigen Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, NGOs, Wikimedia-Organisationen und -Gruppen und vielen Freiwilligen.

Die Ausrichtung der Konferenz „Menschenrechte im digitalen Raum“ ist quasi ein Beweis für das der Zeilen zuvor. Es war die erste Wikimedia-Konferenz, die einen Schwerpunkt auf Menschenrechte in Lateinamerika und der Karibik, auf mehreren digitalen Plattformen und in verschiedenen Disziplinen beleuchtete und förderte. Mehr als 20 zivilgesellschaftliche Organisationen, darunter mehrere Wikimedia-Organisationen, und 240 Teilnehmende trafen sich und tauschten Arbeitserfahrungen, Projekte und Herausforderungen über den Umgang mit Menschenrechten im Internet und Demokratisierung des Zugangs zu Informationen aus.

Da Argentinien ein Land mit einer eng mit dem sozialen Bewegungen verbundenen Geschichte ist, ist eines der wertvollsten Ergebnisse der Konferenz das Verständnis, dass der Kampf für soziale Gerechtigkeit auch im Internet stattfinden muss. In diesem Sinne hat die Konferenz dazu beigetragen, die Grundlagen für die Koordinierung der Maßnahmen zwischen lateinamerikanischen und karibischen Organisationen zu schaffen, um diesen Prozess nicht nur aus argentinischer, sondern auch aus regionaler Sicht zu gestalten.

Um „Knowledge Equity“ (Wissensgerechtigkeit) zu erreichen, müssen wir unsere Vernetzung nicht nur innerhalb des Wikimedia-Netzwerks, sondern auch mit verschiedenen Partnern und Akteuren stärken, nicht nur um Zugang zu derzeit fehlendem Wissen zu erhalten, sondern auch um verschiedenen Communities selbst zu befähigen, ihre eigenen Geschichte zu schreiben (und nicht nur beschrieben zu werden).  Geschichte und ihr Gedächtnis gehören den Menschen – und Wikimedia-Projekte sind zweifellos große Verbündete, um die Geschichte all jener Communities zu schützen, die historisch ausgeschlossen wurden und nie die Chance hatten, gehört zu werden.

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Stacy aus Toronto: Knowledge-Equity-Kalender

Treffen zu indigenem Wissen in der Universitätsbibliothek der Ryerson-Universität, Januar 2019. Smallison, CC BY-SA 4.0

16. Dezember

Ein Großteil meiner Arbeit beschäftigt sich mit systemischen Barrieren beim Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen. Wissensgerechtigkeit („Knowledge Equity“) bedeutet, den Zugang zu Informationen in einem Umfeld zu gewährleisten, das auch die Menschenrechte achtet. Ich würde sagen, dass das reine Hinzufügen (Schaffen) von mehr Inhalten nicht gleichbedeutend ist mit „Wissensgerechtigkeit“. Ich denke, wir müssen wirklich darauf achten „Lücken füllen” nicht mit Gerechtigkeit gleichzusetzen.

Zum Beispiel produzieren Massen-Uploads von Inhalten keine Gerechtigkeit, wenn es Dinge in diesen Inhalten gibt, die in irgendeiner Weise verletzend sind, also z.B. kolonial geprägt sind. Und außerdem müssen wir überlegen, ob wir das Recht auf das Wissen von jemandem oder einem Volk, einer Gemeinschaft, einer Community überhaupt „haben“. Manchmal sind Lücken absichtlich und manchmal schaffen Lücken tatsächlich auch Gerechtigkeit. Es liegt in unserer Verantwortung, diese Themen als zentral für die Arbeit für Wissensgerechtigkeit zu betrachten. Und das können wir erreichen, indem wir mehr Menschen aus den Communitys einbeziehen, mit denen wir zusammenarbeiten wollen.

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