Alice aus Uganda: Knowledge-Equity-Kalender

Alice (zweite von rechts) mit anderen Mitstreitenden der „Wikimedia Community User Group Ugandab. Bukulu Steven, CC BY-SA 4.0

24. Dezember

Es gibt verschiedene Arten von Wissenslücken und -gräben, zum Beispiel die zwischen den Generationen, die technologische Kluft zwischen dem sog. „Globalen Norden“ und dem „Globalen Süden“. Die wichtigsten sind für mich jedoch gar nicht diese „Wissenslücken“, sondern die „Gewusst-Wie-Lücke“ (Alice nennt diese auf Englisch „Know Do gap”, für das es keine adäquate Übersetzung gibt, Anm. d. Übersetzers).

Wenn wir Wissen sorgfältig als „alle Fakten, die jemand über ein bestimmtes Thema weiß” und Equity (zu Deutsch in etwa: Chancengleichheit/Gerechtigkeit) als „eine faire und vernünftige Art und Weise des Verhaltens gegenüber Menschen, so dass alle gleich behandelt werden“ (siehe Macmillan English Dictionary for Advanced Learners) betrachten – macht es nur Sinn, dass wir als Wikimedia, wenn wir mit Freiem Wissen arbeiten, gemeinsam darauf hinarbeiten sollten. Während einige Faktoren in allen Bereichen gleich sind, sollte es definitiv keinen „one size fits all”-Ansatz geben.

Alice Kibombo mit Jimmy Wales während der Wikimania 2019. AKibombo, CC BY-SA 4.0

Ein Großteil meiner Arbeit hatte eigentlich ein ziemlich simples, ja fast schon profan einfaches Ziel: die massive Erweiterung der Inhalten zu Uganda auf Wikipedia und Wikidata, unabhängig von Thema. Dabei ging es mir nicht so sehr um die Qualität als vielmehr um die Quantität der Inhalte. Im Nachhinein betrachtet war das eigentlich ein Fehler meinerseits, mein vorhandenes Wissen nur zur Verbesserung der Situation einzusetzen – ich wusste es, aber ich tat es nicht, daher die „Gewusst-Wie-Lücke“.

Auf dem Weg, als Autorin wie Organisatorin verschiedener Veranstaltungen im Rahmen verschiedener Projekte und Wettbewerbe in Uganda, fiel mir diese Gleichgewicht aus den Augen. Wir organisierten eine Reihe von Veranstaltungen und Schreibwerkstätten, aber wir kamen aus verschiedenen Gründen gar nicht an unsere Ziele heran. Natürlich sind die bestehenden Methoden in einer Form bewährt und funktional, aber meist dienen sie quasi nur als Möglichkeit der Vergrößerung der „Wissenshalden“ mit viel Verbesserungspotenzial.

Nach Beratung und sorgfältiger Überlegung haben wir uns beim Herantasten an die ugandischen GLAM-Institutionen für einen anderen Ansatz entschieden. Statt einfach direkt eine Schreibwerkstatt zu organisieren, haben wir einen sogenannten „Sensibilisierungstag“ (Sensitisation Day) veranstaltet: Wir haben Wikimedia und Projekte erklärt, der Zustand und die Darstellung der ugandischen GLAM-Institutionen und wie sie bei Wikipedia und den Schwesterprojekten vertreten sind – und wie sich die GLAM-Institutionen einbringen könnten. Im Vorfeld profitierten wir sehr von der Beratung einzelner Expertinnen und Experten, um bereits im Vorfeld „gut zu sondieren“, so dass eine Vielzahl von Personen vertreten war – aber auch die „richtigen“.

Das Feedback, das wir im Rahmen der Veranstaltung erhielten, war sehr hilfreich – wir sollten mehr in lokale Lösungen investieren, die besonders darauf acht geben, wie mögliche Nutzerinnen und Nutzer das relevante Wissen verwenden können. Die verfügbaren Techniken und Technologien auswerten, um die auszuwählen, die den lokalen Anforderungen entsprechen – aber auch Schnittstellen und Verwendbarkeit im internationalen Kontext gewährleisten. Lokal war das entscheidende Wort – unsere Teilnehmenden wollten das Heft selbst in der Hand haben (oder wie man auf Englisch sagen würde: „Ownership“).Bis 2030 und darüber hinaus wird es weniger darum Wissenslücken und -löcher zu schließen, als vielmehr darum, wie wir die „Gewusst-Wie-Lücken“ im Kontext der globalen Wissensgerechtigkeit angehen können. Nach meiner Erfahrung funktioniert es viel besser, wenn wir die Menschen dafür sensibilisieren, wer wir (als Wikimedia) sind, was wir tun und vor allem WARUM wir es tun – denn dann wissen die Menschen besser, was sie mit dem Wissen über das sie verfügen, anfangen können. Auch auf „strategischer“ Ebene das jeweilige Wissen und die jeweiligen Kompetenzen zu pflegen und wertzuschätzen, schafft bessere und innovative Projekte mit lokaler Relevanz. Oder um es mit den Worten von Katherine Bates in der Rolle der Dorothy Kenyon in dem Film “On the Basis of Sex” zu sagen: „Erst das Denken verändern“ (Change minds first)


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